Ich mache heute nahezu alles, was ein Sehender auch tut – nur eben anders!

Leichtfüßig dribble ich über den Kunstrasen im Stadion des FC St. Pauli. Der Ball klebt an meinen Füßen. Plötzlich bleibe ich kurz stehen, schlenze den Ball hinter meinem Rücken über die gegnerische Abwehr, setze nach, schieße und versenke den Ball zum 1:1 Ausgleich rechts unten im Tor. Ein typischer Mulgheta-Trick, ein tolles Tor, das umso mehr an Bedeutung gewinnt, wenn man bedenkt, dass ich nicht sehe, was ich tue.

Ich bin Mulgheta Russom, gebürtiger Eritreer, 43 Jahre alt und blind, seit ich im Alter von 20 Jahren nach einem schweren Autounfall mein Augenlicht verlor.

Es war der frühe Morgen des 3. Oktober 1998, ich hatte mit Freunden durchgefeiert, jedoch keinen Alkohol getrunken. Ich fuhr mit meinem Auto nach Hause, winkte noch meinem besten Freund, der hinter mir an einer Ausfahrt abbog. Danach weiß ich nichts mehr. Ich war mit meinem Auto von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Das Auto ging in Flammen auf und explodierte, ich wurde gerettet und ins Krankenhaus gebracht. 14 Stunden operierten mich die Ärzte, setzten mein völlig zerstörtes Gesicht mit Platten und Drähten wie ein Puzzle wieder zusammen. Während dieser Zeit wurde ich drei Mal wiederbelebt. „Wenn er überhaupt überlebt,“ so teilten die Ärzte meinen Eltern schonungslos mit, „wird ihr Sohn blind sowie geistig behindert sein, ein lebenslanger Pflegefall bleiben.“ Als ich nach drei Monaten im künstlichen Koma erwachte, widerlegte ich jedoch sämtliche düsteren Prognosen. Weder war ich geistig behindert noch blind. Erst durch einen fiebrigen Infekt, den ich mir drei Tage nach meinem Erwachen auf der Intensivstation holte, habe ich mein Augenlicht verloren.

Vor dem Autounfall führte ich ein ganz normales Leben, das neben meiner Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann in einem Modehaus vor allem vom Sport geprägt war. Bei der TSG Tübingen spielte ich Fußball auf Landesliga-Ebene. Meinem Sport ordnete ich alles unter. Ich verzichtete zwar nicht auf Partys, doch Zigaretten, Alkohol und andere Drogen waren für mich absolut tabu. Mein gesunder Lebensstil sowie mein durchtrainierter Körper waren wahrscheinlich der Grund, dass ich meinen schweren Unfall besser überstand als erwartet und mich heute als Kapitän des MTV Stuttgart siebenfacher Deutscher Meister im Blindenfußball nennen darf. Bei meinen mittlerweile über 70 Einsätzen in der Blinden-Nationalmannschaft beweise ich immer wieder aufs Neue, dass man selbst mit einem Handicap ausgesprochen erfolgreich sein kann, wenn man an sich arbeitet und nach vorn blickt.

Während andere Menschen an diesem Schicksalsschlag vielleicht zerbrochen wären, war dagegen für mich schon im Krankenhaus klar, dass ich mich allen Herausforderungen stellen und mein neues Leben selbst in die Hand nehmen würde. Statt aufzugeben, kämpfte ich mich zurück in den Alltag außerhalb des Krankenbetts. Ich wollte mich nicht verstecken, sondern mein Leben weiter genießen. Ich mache heute nahezu alles, was ein Sehender auch tut – nur eben anders. Mein unaufhörlicher Drang nach Bewegung, mein eiserner Wille, jede Menge Disziplin, mein großes Kämpferherz und ganz wichtig, meine positive Lebenseinstellung, gepaart mit meinem ausgeprägten Humor, waren dabei von Anfang an meine Hauptmotoren. Als ich mich nach Krankenhaus und Reha fit genug fühlte, besuchte ich eine Blindenschule und absolvierte eine Ausbildung zum Korbflechter. Aber das reichte mir noch immer nicht. „Das kann doch nicht alles gewesen sein“, lautet mein Credo, das mich bis heute immer wieder antreibt, neue Wege zu beschreiten. Gemeinsam mit einem sehenden Guide lief ich den Stuttgart-Lauf, wagte einen Fallschirmsprung, stellte mich auf Wasserski, trainierte Weitsprung und Speerwurf, bis ich schließlich den Blindenfußball für mich entdeckte.

Als ich den ersten Anruf vom damaligen Bundes- und MTV-Mannschaftstrainer erhielt, glaubte ich noch, dass es sich um eine Verarschung handelt. Fußball für Blinde, wie sollte das gehen? Doch es funktioniert und ich gehöre bis heute zu den besten Blindenfußballern Deutschlands. Hier existiert diese Sportart erst seit knapp fünfzehn Jahren. Sowohl in der Bundesliga als auch vom DFB wird sie noch immer als Randsportart behandelt. Das finde ich sehr schade. In Brasilien, wo der Blindenfußball erfunden wurde, verdient ein Spieler umgerechnet 6.000 Euro im Monat. Wir bekommen lediglich die Ausrüstung gestellt und unsere Reisen bezahlt.

Aus diesem Grund muss ich mir meinen Lebensunterhalt anders verdienen. Dank des MTV Stuttgart durfte ich mein Hobby Sport zum Beruf machen. Der Verein ermöglichte mir eine Ausbildung zu Deutschlands erstem blinden Fitness- und Personaltrainer und stellte mich im vereinseigenen Fitnessstudio an. Seither bilde ich mich ständig weiter und habe mich beispielsweise auf die Behandlung von Schulter- und Nackenproblematik spezialisiert.

Wer mich kennt, weiß, dass ich ein offener, durchaus selbstbewusster und sehr kommunikativer Mensch bin, der sein Leben selbst in die Hand nimmt. Meine Art und Weise, mit meinem Schicksalsschlag umzugehen, hat mich für viele Menschen zum Vorbild und vor allem zu einem gefragten Ansprechpartner werden lassen. Immer wieder kommen Menschen auf mich zu, erzählen mir von ihren Schicksalen und Sorgen, holen sich Rat und Zuspruch. Diese Erfahrungen haben mich animiert, mir neben meinem Job als Personal-Trainer noch ein zweites Standbein aufzubauen. Ich gehe in Schulen, Unternehmen und Vereine und gebe den Menschen dort ein Training, das sie durch das Aufsetzen von Augenbinden völlig blind absolvieren müssen. Mir geht es dabei nicht nur darum, Sehenden einen Einblick in die Welt eines Blinden zu gewähren und sie für dessen Problematiken zu sensibilisieren. Ich will den Trainingsteilnehmern zugleich Selbstvertrauen, Selbstüberwindung, Orientierung und Koordination vermitteln und ihnen zeigen, wie man durch das verstärkte Einsetzen der anderen Sinne das fehlende Augenlicht kompensieren kann. Diese Eigenschaften sowie eine gute Kommunikation mit meinen Mitmenschen sind für mich als Nicht-Sehender das A und O, um die alltäglichen Herausforderungen in allen Lebensbereichen eigenständig bestreiten zu können. Das kostet natürlich viel Energie, ist aber die Basis für mein selbstbestimmtes Leben. Ich lebe in meinen eigenen vier Wänden, kaufe ein, koche, wasche und bügle. Sogar die schwäbische Kehrwoche erledige ich selbst.

Extra motivieren muss ich mich deshalb aber nicht. Sport, speziell Fußball, ist mein Leben, dafür tue ich alles. Und ans Aufhören denke ich trotz meines Alters noch lange nicht. Konditionell bin ich superfit und wenn ich gesund bleibe, werde ich noch einige Jahre aktiv spielen, denn ich bin noch lange nicht satt.

Zitat „Das kann noch nicht alles gewesen sein!“

Mulgheta Russom

1978 wurde in Eritrea geboren und kam im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern und acht Geschwistern nach Deutschland. Seine neue Heimat fand er in der Umgebung von Tübingen, wo er aufwuchs, zur Schule ging sowie eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann in einem Modehaus absolvierte.